Tag 8. Heute kein neues KI-Tool. Heute ein Eingeständnis.

Ich habe gestern mein eigenes Projekt restrukturiert. Und dabei mehr über Change Management gelernt als in manchem Seminar.

Was passiert war

SocioloVerse.AI hat 1025 Edits hinter sich. Gestartet als einfaches Soziologie-Magazin, war die Navigation zuletzt auf 11 Hauptpunkte gewachsen, mit Untermenüs, Sub-Verses, Kompendien, Weltbildern, Features, Tools.

Niemand hat das so geplant. Es ist passiert.

Prompt für Prompt. Feature für Feature. Jede Idee hatte ihren Moment. Jede Erweiterung schien sinnvoll. Und zusammen ergaben sie etwas, das kein Besucher mehr überblicken konnte.

Das nennt man in der Organisationssoziologie: historisch gewachsene Struktur.

Vibe Coding ist Organisations-Entwicklung im Zeitraffer

Wer mit KI baut, baut per Intuition. Du hast eine Idee, du promptest, etwas entsteht. Du promptest weiter. Das System reagiert. Du reagierst auf das System.

Das ist kein Chaos — das ist ein Lernprozess. Aber er hinterlässt Spuren.

In Organisationen nennt man das informelle Strukturen: Prozesse, die niemand dokumentiert hat, aber alle kennen. Zuständigkeiten, die entstanden sind weil jemand mal angerufen hat. Abteilungen, die existieren weil ein Projekt mal wichtig war.

Bei mir: ein "CompuVerse" das entstand weil KI-Themen spannend waren. Ein "EduVerse" weil Bildungsthemen dazukamen. Ein "Kompendium" weil ich Tiefe wollte. Alles logisch. Alles im falschen Moment hinzugefügt.

Pfadabhängigkeit — der soziologische Begriff dafür

Paul David hat das 1985 am QWERTY-Tastaturlayout gezeigt: Nicht das beste System setzt sich durch, sondern das das zuerst da war. Weil alles Folgende auf ihm aufbaut.

Mein SocioloVerse hatte sein eigenes QWERTY-Problem. Jede neue Funktion baute auf der vorherigen auf. Der Sub-Verse-Gedanke war der Pfad. Er führte immer weiter in eine Richtung, die sich nicht mehr umkehren ließ — bis man sich entschied, umzukehren.

Was Change Management bedeutet — im Kleinen

Gestern habe ich mit mir selbst 10 Fragen durchgearbeitet. Wer ist die Leser:in? Was ist das Versprechen? Welche Navigation braucht es wirklich?

Das klingt trivial. Aber es ist genau das, was Unternehmensberater:innen in teuren Workshops tun: gemeinsam klären, was das Unternehmen eigentlich ist. Nicht was es geworden ist, sondern was es sein will.

Aus 11 Navigationspunkten wurden 4. Aus Dutzenden Unterbereichen wurden thematische Filter. Aus einem Archiv wurde (hoffentlich) ein Magazin.

Was das mit KI zu tun hat

Vibe Coding beschleunigt. Was Organisationen in 10 Jahren aufbauen, baust du in 10 Wochen. Das ist das Versprechen.

Aber die informellen Strukturen, das Chaos, die Pfadabhängigkeiten — die entstehen genauso schnell.

Ein KI-Projekt ohne gelegentliche Restrukturierung wird zum Scherbenhaufen. Nicht weil die KI schlecht baut. Sondern weil du als Mensch in Phasen denkst — und Projekte in Systemen wachsen.

Der Unterschied zu echten Organisationen: Du brauchst keinen Betriebsrat. Keine Managementberatung. Keinen Change-Kommunikations-Plan.

Du brauchst 10 ehrliche Fragen. Und die Bereitschaft, loszulassen was du selbst gebaut hast.

Das ist schwerer als es klingt.

Diskutiere diesen Text, seine Begriffe oder Denker:innen mit Sociologica. Dialektisch (Lesart + Gegen-Lesart), mit Leitfrage zurück an dich.

Diskussion starten

Öffne dein aktuelles KI-Projekt, deine Notion-Struktur, dein Dateiablage-System. Schreib in 3 Minuten auf: Was ist historisch gewachsen, was war geplant — und was würdest du heute anders anlegen?

Kennst du in deiner Organisation oder deinem Studium eine Struktur, die "historisch gewachsen" ist — und die eigentlich niemand mehr verteidigen würde, wenn man von vorne anfangen würde?

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